Im Rahmen der Konferenz „Commoning Spaces. Räume fürs Gemeinwohl aktivieren“ verlieh die Hans Sauer Stiftung am 20. Oktober 2026 den diesjährigen Hans Sauer Preis. Die Teilnehmenden der dreitägigen Konferenz erwartete neben einem umfassenden Programm aus Input Sessions, Workshop, Keynotes, Kinoperformances und Installationen auch eine feierliche Verleihung mit eindrücklichen Laudationes der Juror*innen. Mit insgesamt zehn prämierten Projekten, die aus über 300 Einreichungen von der vierköpfigen Jury ausgewählt wurden, warf die Verleihung ein Rampenlicht auf das riesige Engagement im Bereich der gemeinwohlorientierten Raumentwicklung und „Commoning Spaces“. Wir stellen die Preisträger*innen vor!
Vollgut eG
Die Vollgut Genossenschaft reaktiviert die Brauereikeller und die Fahrzeughalle auf dem ehemaligen Areal der Kindl-Brauerei in Berlin-Neukölln. Mit rund 30 gemeinnützigen oder gemeinwohlorientierten Organisationen aus den Bereichen Kultur, Kunst, Bildung, Handwerk, Sport und Soziales entwickelt das Team ein lokalwohlorientiertes Kultur- und Gewerbezentrum. Durch ein minimalinvasives und zirkuläres Umbaukonzept bleibt die besondere Bausubstanz erhalten und Ressourcen werden geschont.

Das sagt die Jury:
Berlin kennt die Geschichte von Orten, die erst gefeiert und dann verdrängt wurden. Zwischennutzung, so heißt das Wort dafür, das die Verdrängung schon im Namen trägt. Die Vollgut eG hält dagegen mit einem Wort, das Dauer verspricht: Bleiben. Sie holt den Raum aus dem Kreislauf der Spekulation, entzieht ihn der Logik des Weiterverkaufs und macht ihn zu etwas, das man ein zweites Mal nicht verkaufen kann, weil es allen gehört, die es brauchen.
(Auszug aus der Laudatio von Gabu Heindl)
Preissumme: 4.000 Euro.
Vielseithof
Nach zehn Jahren Kampf gegen die Abbaggerung von Pödelwitz und fünf Jahren Kampf für die Wiederbelebung des zu 80% umgesiedelten Dorfes konnte der Verein „Pödelwitz hat Zukunft“ 2025 ein erstes Grundstück im Ort erwerben. Auf dem ehemaligen LPG-Gelände entsteht der „Vielseithof“, eine inklusive Wohngemeinschaft mit Solidarischer Landwirtschaft, einem Handwerksbetrieb und Kantine – das erste Projekt der gemeinwohlorientierten Revitalisierung von Pödelwitz als zukunftsfähigem Dorf der kurzen Wege.

Das sagt die Jury:
Uns als Jury hat es begeistert, dass hier jenseits eines einzelnen Projektes die gesamte Perspektive eines Ortes eingenommen wird. Aus dem Dorf Prädikow aus dem ich komme, hat einmal ein Nachbar gesagt: Groß denken, klein anfangen. Das sehe ich auch in diesem Projekt: Die Ziele von Pödelwitz sind groß und der Weg dahin wird von vielen Hindernissen gespickt sein. Der Preis soll auch für Sichtbarkeit sorgen und Rückenwind für die nächsten Phasen geben.
(Auszug aus der Laudatio von Philipp Hentschel)
Preissumme: 4.000 Euro.
Alster-Bille-Elbe PARKS
PARKS transformiert einen ehemaligen Recyclinghof im von Industrie geprägten und dennoch zentralen Stadtteil Hamburg-Hammerbrook in einen gemeinschaftlich entwickelten Freiraum. Als offener Begegnungsort verbindet PARKS Umweltbildung, urbane Praxis und soziale Infrastruktur und erprobt neue Formen gemeinwohlorientierter Stadtentwicklung im Kontext von Flächenrecycling. PARKS ist mehr als ein Projekt: Es ist ein Prozess, eine gemeinsame Aushandlung dessen, was öffentlicher Raum sein kann.

Das sagt die Jury:
Besonders beeindruckt hat die Jury, dass PARKS eine neue Form des Sorgetragens für den öffentlichen Raum erprobt. Öffentliche Grünflächen werden in der Regel von der Stadt geplant, gebaut und gepflegt, und die Bürgerinnen und Bürger nutzen sie. PARKS verteilt diese Sorge auf viele Schultern. Das „How-to-Recyclinghof“ ist ein Regelwerk, das auf Verantwortung, Fürsorge und Mitgestaltung setzt. Wer den Raum nutzt, kümmert sich um ihn.
(Auszug aus der Laudatio von Leona Lynen)
Preissumme: 4.000 Euro.
Initiative Neue Stadtgärtnerei Bonn
Auf dem Gelände der alten Stadtgärtnerei in Bonn-Dransdorf lässt die ehrenamtliche Initiative nach 20 Jahren Brache ein lebendiges Gemeingut entstehen. In Kooperation mit der Montag Stiftung schafft sie bis 2032 einen Zukunftsort: Ein klimaresilienter, gemeinwohlorientierter Ort, gebaut im Bestand, für 100 Menschen mit Suffizienz-Ansatz (25 m² Wohnraum/Kopf) trifft auf 4.000 m² urbane Landwirtschaft (Agroforst & Market-Gardening). Vom Sperrgebiet zum offenen „Commoning Space“.

Das sagt die Jury:
Die Neue Stadtgärtnerei trifft ziemlich genau den Kern dessen, was der Hans Sauer Preis 2026 unter „Commoning Spaces!“ versteht: Ein vorhandenes Raumpotenzial wird nicht einfach neu bebaut oder umgebaut, sondern gemeinsam angeeignet, umgedeutet und für das Gemeinwohl aktiviert. Die sieben Aspekte des Preises finden hier auf bemerkenswert konkrete Weise zusammen. Und genau darin steckt auch eine Qualität, die über Bonn hinausweist. Die Initiative Neue Stadtgärtnerei entwickelt nicht nur einen konkreten Ort, sondern sammelt Erfahrungen darüber, wie aus einer Brache ein Zukunftsort werden kann – Erfahrungen, die auch für andere Kommunen und Initiativen interessant sind.
(Auszug aus der Laudatio von Friederike Thonke)
Preissumme: 4.000 Euro.
Starting Home in Exile
Home in Exile ist ein selbstorganisiertes Wohn-, Kultur- und Begegnungsprojekt in Ostbrandenburg. Gemeinsam mit Frauen mit Flucht- und Exilerfahrung schafft es einen sicheren Ort außerhalb von Sammelunterkünften: ein Haus als Raum für Wohnen, Heilung, gegenseitige Unterstützung, kulturelle Praxis und gesellschaftliche Teilhabe. Das Projekt verbindet Wohnraumschaffung, feministische Solidarität und gemeinwohlorientierte Entwicklung im ländlichen Raum.
Das sagt die Jury:
Nicht zuletzt ist Home in Exile ein politischer Raum. Women in Exile & Friends treten gegen Rassismus und Abschiebungen ein, gegen die Bezahlkarte, gegen die Abschaffung des Asylrechts. Ihr Anspruch: Freizügigkeit für alle, das Recht zu kommen, zu gehen und zu bleiben. Ein eigenes Haus ist dafür kein Rückzug, sondern eine Grundlage. Von hier aus lässt sich sichtbar sein, laut sein und bleiben. Liebe Women in Exile & Friends, ihr zeigt, dass Raum nicht erst dort gemeinsam wird, wo sein Besitz geteilt ist, sondern dort, wo alle, vor allem die, denen ein solcher Raum lange verweigert wurde, ihn auch selbstbestimmt gestalten.
(Auszug aus der Laudatio von Gabu Heindl)
Preissumme: 4.000 Euro.
Stadtbodenstiftung
Die Stadtbodenstiftung ist aus einer städtischen Initiative hervorgegangen und wurde von rund 150 Personen und Organisationen gegründet. Ihr Ziel ist es, städtischen Boden dem Markt zu entziehen und dauerhaft für eine gemeinwohlorientierte Bewirtschaftung zu sichern – für bezahlbaren Wohnraum sowie für nachbarschaftliche, kulturelle und soziale Projekte. Die Stadtbodenstiftung ist vom Community Land Trust Modell inspiriert und Teil einer internationalen Bewegung.
Das sagt die Jury:
Die Stadtbodenstiftung bietet auf die Eigentumsverpflichtungsfrage eine bemerkenswerte systemische Perspektive. Sie orientiert sich am Modell der Community Land Trusts, das in den USA im Umfeld der Bürgerrechtsbewegung entstanden ist und inzwischen auch in Europa zunehmend Verbreitung findet. Entscheidend ist dabei: Es geht nicht nur um eine andere Form des Eigentums. Es geht um eine andere Form der Entscheidung.
(Auszug aus der Laudatio von Friederike Thonke)
Happy Monday Bautzen / Wjesoła póndźela Budyšin
„Happy Monday – Wjesoła póndźela“ transformiert öffentliche Plätze in Bautzen in offene Gemeinwohlräume. In einer Stadt, geprägt von rechtsextremen Demonstrationen, Konflikten und negativer Stimmung im öffentlichen Raum, schafft das Projekt durch Kultur, Kunst und Beteiligung neue Orte der Begegnung. Über 70 Akteur:innen gestalten gemeinsam Räume, die Hoffnung, Austausch und demokratisches Miteinander sichtbar machen.
Das sagt die Jury:
Happy Monday reagiert auf gesellschaftliche Spannungen und auf den Versuch, öffentliche Räume rechtsextrem zu vereinnahmen. Die Antwort darauf ist die Gegenbelegung: Wer den Platz mit Solidarität füllt, lässt für Vereinnahmung weniger Raum. Das ist keine Nebensache der Demokratie, das ist die Basis, um sie zu erhalten, um sie zu verbessern. Demokratie braucht öffentliche Orte, an denen sich alle begegnen können, ohne sich zu kennen oder sich vorher einig zu sein.
(Auszug aus der Laudatio von Gabu Heindl)
SPOTLIGHT Gelsenkirchen
SPOTLIGHT Gelsenkirchen ist das erste Redaktionscafé von CORRECTIV. Mit diesem Pilotprojekt startete 2025 ein neues, community-orientiertes Modell für Lokaljournalismus. Das Konzept kombiniert unabhängige, konstruktive Berichterstattung mit einem Café als Begegnungsort und Veranstaltungsraum.
Das Café ergänzt das journalistische Angebot des wöchentlichen Newsletters durch Veranstaltungen vor Ort. Hier können Gelsenkirchenerinnen und Gelsenkirchener das Stadtgeschehen diskutieren.
Das sagt die Jury:
Correctiv versteht Journalismus als Gespräch. Mit Ihren Recherchen stoßen Sie gesellschaftliche Debatten an und liefern Argumente für einen faktenbasierten Diskurs. Und so sitzen Sie direkt mit am Tisch. Berichterstattung gemeinsam mit den Menschen und Themen die vor Ort bewegen und relevant sind. Darüber hinaus dienen die Räumlichkeiten dem erweiterten Diskurs und Austausch. Durch Diskussionen, Lesungen & Workshops entsteht ein lebendiges Kulturzentrum und ein multifunktional genutzter Ort in dem die Debatten vertieft und der faktenbasierte Austausch moderiert werden kann.
(Auszug aus der Laudatio von Philipp Hentschel)
Tempelhofer Feld – Institutionelle Innovation durch Urban Commoning
Das Tempelhofer Feld ist mit 355 Hektar eine der größten innerstädtischen Freiflächen Europas und ein weltweit einzigartiges Beispiel für einen durch Bürgerhand erkämpften und verwalteten Gemeinwohlraum. Das gelebte Beteiligungsmodell – die Feldkoordination – feiert 2026 ihr zehnjähriges Jubiläum. Die geteilte Aufgabe ist die Stärkung des gesetzlich verankerten Beteiligungsmodells als innovatives Instrument zur Bewahrung von „Commons“.
Das sagt die Jury:
Das Tempelhofer Feld erinnert daran, dass zur Aktivierung auch die Bewahrung gehört. Ein Gemeingut bleibt offen, solange Menschen es pflegen, darüber verhandeln und es immer wieder neu begreifen. Die Feldkoordinator*innen leisten diese Arbeit überwiegend ehrenamtlich, mit großer Ausdauer und zuletzt unter schwierigeren Bedingungen. Die Mittel für das Beteiligungsmodell wurden gekürzt, und die Zukunft des Feldes wurde in Berlin zuletzt wieder intensiv diskutiert. Gerade deshalb möchte die Jury ein Zeichen setzen.
(Auszug aus der Laudatio von Leona Lynen)
Beteiligungsplattform Tempelhofer Feld
Haus der Demokratie
Das „Haus der Demokratie“ ist eine strategische Antwort auf rechtsextreme Raumnahme: Durch den Kauf des Gebäudes verhinderte der Landkreis Kassel die Ausweitung des angrenzenden rechtsextremen Szeneorts. Seitdem entwickelt sich in enger Zusammenarbeit von Zivilgesellschaft und Verwaltung ein offener Ort für Begegnung, politische Bildung und demokratisches Engagement. Es zeigt, wie ko-kreative Raumnutzung Zusammenhalt und Teilhabe fördert und als Gegenmodell zu rechtsextremen Strukturen wirkt.
Das sagt die Jury:
Demokratie hat eine Adresse. In Gieselwerder, einem Ortsteil der Gemeinde Wesertal im Norden des Landkreises Kassel, lautet sie: Mühlenplatz 7.
(Auszug aus der Laudatio von Leona Lynen)
Alle Fotos auf dieser Seite: Dominik Alves








