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Dissertation Philipp Aumann - Kybernetik im Deutschland des 20. Jahrhunderts


Kybernetik scheint einen Zauber an sich zu haben: Wann immer das Wort fällt, scheinen Phantasien und Utopien von menschengleichen Maschinen und technisierten Menschen auf, wird Begeisterung für eine hochmoderne Theorie geäußert und jede Scharlatanerie kategorisch abgelehnt – heute wie in den 1960er Jahren, als die Kybernetik in der Wissenschaft und in der öffentlichen Aufmerksamkeit ihren Höhepunkt erlebte.

Gefördert von der HANS-SAUER-STIFTUNG hat der Wissenschaftshistoriker Philipp Aumann die Kybernetik jenseits dieses Zaubers historiographisch untersucht. Ziel war es, sich ihre realen Ausprägungen in wissenschaftlichen und diskursiven Praktiken vorzunehmen und zu versuchen, diesen schillernden Begriff zu erden. Dabei hat sich nicht nur vieles relativiert, was über die Kybernetik verbreitet wurde und wird, sondern es hat sich darüber hinaus herausgestellt, dass „die Kybernetik“ so nie existierte. Vielmehr gab es zahllose unterschiedliche Formen, die meist nur wenig miteinander zu tun hatten. Ihr gemeinsamer Nenner war lediglich das Postulat des Kybernetik-Begründers Norbert Wiener aus dem Jahr 1948, wonach alle informationsverarbeitenden Systeme nach denselben Prinzipien funktionieren und deshalb unter informations- und regelungstheoretischen Gesichtspunkten mit denselben Fragen und Methoden untersucht werden könnten. Wer oder was die Information trägt und verarbeitet, sei dabei irrelevant, d.h. es spielt keine Rolle, ob ein organisches oder ein technisches System der Untersuchungsgegenstand ist: Ein Mensch und eine informationsverarbeitende Maschine, also ein Computer, sind in kybernetischer Perspektive gleichrangig.

Historisch besonders interessant ist nun, dass dieses Postulat einerseits neue Wege der Forschung öffnete, andererseits in einer wissenschafts- und technikbegeisterten modernen Gesellschaft zu den erwähnten Spekulationen führte. Wie diese verschiedenen Ebenen zueinander standen, wie sie sich gegenseitig beeinflussten und auch Konkurrenz machten, ist der zentrale Aspekt der Studie von Philipp Aumann. Denn nur in dieser Vielschichtigkeit ist die historische Entwicklung der Kybernetik zu verstehen, die wie kaum ein anderes intellektuelles Konzept im 20. Jahrhundert die Technisierung des Lebens und der Gesellschaft sowohl reflektierte als auch vorantrieb.

Philipp Aumann hat seine Untersuchung in den Jahren 2004 bis 2007 am Forschungsinstitut des Deutschen Museums in München durchgeführt. Seine Arbeit ist 2009 unter dem Titel „Mode und Methode. Die Kybernetik in der Bundesrepublik Deutschland“ im Göttinger Wallstein-Verlag erschienen. Im Sommer 2009 hat das Buch dann den Preis der Georg-Agricola-Gesellschaft für Naturwissenschafts- und Technikgeschichte 2009 gewonnen. Eine Leseprobe und das Inhaltsverzeichniis der Arbeit finden Sie rechts in der Navigation. 

Veröffentlichungen des Verfassers:

Aumann, Philipp: Der Nutzen der Kybernetik? Gesellschaftliche Erwartungen und Realität“, in: Christine Pieper u. Frank Uekötter (Hg.): Der Nutzen der Wissenschaften, Frankfurt a.M. 2009, im Erscheinen

Aumann, Philipp: Between Methodology and Ideology. Cybernetics in Western Germany”, in: Historical Studies in the Natural Sciences 39 (2009), im Erscheinen.

Aumann, Philipp: Mode und Methode. Die Kybernetik in der Bundesrepublik Deutschland, Göttingen: Wallstein 2009

Aumann, Philipp: „Kybernetik als technisch bedingte Wissenschaft und als wissensbasierte Technologie. Karl Steinbuch und die Lernmatrix“, in: Technikgeschichte 74 (2007), S. 311-334.
 
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